Chronische Schmerzen gehören heute zu den häufigsten Gründen für Arbeitsausfälle, Leistungsabfall und langfristige Gesundheitsprobleme. Doch was genau passiert dabei im Körper – und warum benötigen betroffene Mitarbeitende eine andere Unterstützung als Menschen mit akuten Beschwerden?
Dieser Artikel führt verständlich in die Biologie chronischer Schmerzen ein und zeigt, welche Verantwortung und welchen Gestaltungsspielraum HR hat, um Betroffene wirksam zu unterstützen.
Akutschmerz vs. chronischer Schmerz – der wichtigste Unterschied
Akuter Schmerz ist ein Warnsignal: Er sagt uns, dass eine Verletzung oder Gefahr vorliegt. Wird die Ursache behandelt, klingt der Schmerz ab.
Chronischer Schmerz dagegen besteht länger als 3 bis 6 Monate, oft ohne klare Gewebeschädigung. Hier hat sich das Nervensystem verändert – der Schmerz „verselbstständigt“ sich.
Diese grundlegende Unterscheidung ist entscheidend für HR, denn:
Chronische Schmerzen sind keine Willensschwäche und keine reine Stressreaktion, sondern eine neurobiologische Veränderung, die den Alltag der Betroffenen massiv prägt.
Was passiert bei andauernden Schmerzen? – Das Schmerzgedächtnis
Unser Gehirn funktioniert wie eine hochkomplexe Speicherkarte. Es merkt sich:
- Wann Schmerz aufgetreten ist
- Was man getan hat
- Wo man war
- Welche Gefühle und Gedanken dabei vorhanden waren
Kommt man später in eine ähnliche Situation, reagiert das Gehirn vorsorglich: „Aha, das kenne ich – das ist gefährlich.“
Das ist sinnvoll, wenn man sich an eine heiße Herdplatte erinnert. Problematisch wird es, wenn diese Lernmechanismen bei andauernden Schmerzen überreagieren.
Beispiel: Rückenschmerz:
Wenn eine Person beim Bücken immer wieder Schmerzen hat, verknüpft das Gehirn damit:
- Bewegung = Schmerz
- Gefühle der Anspannung = Schmerz
- Gedanken („Das wird wieder schlimm“) = Schmerz
Irgendwann reicht schon der Gedanke oder eine ähnliche Bewegung, um Schmerz auszulösen, obwohl keine Schädigung mehr vorliegt. Das Nervensystem ist in ständiger Alarmbereitschaft.
Plastizität – warum das Gehirn Schmerzen „lernt“
Unser Gehirn ist unglaublich anpassungsfähig. Diese Fähigkeit heißt Neuroplastizität. So wie zum Beispiel das Spielen eines Musikinstruments bestimmte Areale im Gehirn wachsen lässt oder strukturell verändert, passiert bei chronischen Schmerzen Folgendes:
Die Bereiche, die Schmerz verarbeiten, werden größer. Es werden mehr Botenstoffe produziert, die Schmerzsignale schneller weiterleiten. Das gesamte System wird empfindlicher: Das nennt man Sensibilisierung. Diese Veränderungen sind im fMRT messbar – es handelt sich also um real sichtbare Vorgänge, nicht um Einbildung.
Was hilft Betroffenen wirklich? – Drei wirksame HR-Hebel
Nur bei wenigen chronischen Schmerzformen wie Migräne helfen Medikamente gut. Bei vielen anderen Arten wirken sie kaum – der Ansatz muss daher breiter sein. HR spielt dabei eine entscheidende Rolle.
1. Umgang mit Stress und negativen Gefühlen unterstützen
Stress und belastende Emotionen verstärken nachweislich die Schmerzempfindung. Für HR bedeutet das:
- Psychologische Beratung ermöglichen
- Gesundheitsprogramme für Stressmanagement anbieten
- Gespräche mit Mitarbeitenden professionalisieren
- Belastungsfaktoren im Arbeitsumfeld reduzieren
- Nach Reha-Aufenthalten eine stufenweise berufliche Wiedereingliederung ermöglichen
Betroffene Personen können diese Themen selten allein lösen. Daher ist ein strukturiertes Unterstützungsangebot im Unternehmen essenziell.
2. Das Gehirn kann Schmerzen „verlernen“ – durch Ablenkung und neue Erfahrungen
Auch das ist eine Folge der Plastizität: Was gelernt wurde, kann auch wieder verlernt werden.
Eine wirksame Methode ist das Ablenkungs-ABC:
Wenn das Gehirn sich auf etwas anderes konzentriert, wird der Schmerz weniger dominant.
So funktioniert die Methode:
Man wählt einen Buchstaben des Alphabets und sammelt so viele Aktivitäten wie möglich, die mit diesem Buchstaben beginnen und einem guttun oder ablenken. Das können kleine, sofort umsetzbare Handlungen sein oder Gedankenübungen, die das Nervensystem beruhigen.
Beispiel Buchstabe A:
- Atmen (z. B. 4-6-Atmung)
- Audio-Podcast hören
- Aufräumen einer kleinen Sache (Schublade, Schreibtischrand)
- Achtsamkeitsminute einlegen
- Aus dem Fenster schauen und bewusst zählen, was man sieht
- Anrufen einer Kollegin oder eines Kollegen für eine kurze positive Interaktion
Das Ablenkungs-ABC ist besonders hilfreich in Situationen, in denen Betroffene merken, dass ein Schmerz „hochfährt“ oder die Aufmerksamkeit sich zunehmend auf den Körper richtet.
Auch die Ausführung von Aufgaben im Arbeitsalltag kann vom Schmerz ablenken und somit die Heilung unterstützen: Arbeit strukturiert den Alltag, lenkt ab, ermöglicht Erfolgserlebnisse und kann das Selbstwertgefühl stärken. Deshalb ist es wichtig, betroffene Mitarbeitende dabei zu unterstützen, möglichst zeitnah und in einem für sie passenden Rahmen wieder in den Beruf einzusteigen. Besonders nach einer Reha ist eine stufenweise Wiedereingliederung ein zentraler Baustein.
HR sollte:
- Rückkehrgespräche begleiten
- flexible Arbeitsgestaltung anbieten
- Teammitglieder und Führungskräfte sensibilisieren
3. Betroffene darin bestärken, aktiv zu bleiben – beruflich und privat
Wer aktiv bleibt, verhindert, dass das Schmerzgedächtnis dominiert. HR kann Betroffene unterstützen, indem sie:
- Freizeit und soziale Kontakte als Teil der Gesundung anerkennt
- Programme zur Förderung von Bewegung und sozialer Teilhabe anbietet
- individuelle psychologische Beratung für betroffene Personen organisiert
Welche Hilfsmittel können den Arbeitsalltag erleichtern?
Viele chronische Schmerzformen lassen sich durch ergonomische Anpassungen wirksam reduzieren. Gleichzeitig stärken geeignete Hilfsmittel das Gefühl der Selbstwirksamkeit: Mitarbeitende erleben, dass sie aktiv Einfluss auf ihre Beschwerden nehmen können und nicht befürchten müssen, dass beispielsweise Rückenschmerzen durch langes Sitzen am Arbeitsplatz automatisch zurückkehren.
Besonders hilfreich sind:
- Höhenverstellbarer Schreibtisch
Ermöglicht den Wechsel zwischen Sitzen und Stehen und reduziert:
- Rückenschmerzen
- Verspannungen
- einseitige Belastungen
- Walkpads
Aktiv bleiben trotz Büroarbeit:
- fördern leichte Bewegung
- reduzieren Muskelsteifheit
- können Stress mindern
Fazit: Chronische Schmerzen sind vom Gehirn erlernt – und verlernbar
Hier kann HR entscheidend beitragen: Chronische Schmerzen sind nicht einfach „lange anhaltender Schmerz“, sondern eine Veränderung im Nervensystem. Mitarbeitende brauchen deshalb fachlich fundierte Unterstützung, psychologische Angebote und eine ergonomisch gestaltete Arbeitsumgebung.
HR sitzt dafür an einem strategisch wichtigen Hebel – und kann Betroffenen helfen, wieder mehr Kontrolle über ihren Alltag, ihre Arbeit und ihr Wohlbefinden zu gewinnen.
Quellen:
https://www.deutsches-kinderschmerzzentrum.de
Apkarian, A. V., Hashmi, J. A., & Baliki, M. N. (2011). Pain and the brain: specificity and plasticity of the brain in clinical chronic pain. Pain, 152(3), S49-S64.
Flor, H. (2012). New developments in the understanding and management of persistent pain. Current opinion in psychiatry, 25(2), 109-113.
Schultz, I. Z., Crook, J., Meloche, G. R., Berkowitz, J., Milner, R., Zuberbier, O. A., & Meloche, W. (2004). Psychosocial factors predictive of occupational low back disability: towards development of a return-to-work model. Pain, 107(1-2), 77-85.
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