Montagmorgen, 8:15 Uhr: Der Ausbildungsstart liegt erst wenige Monate zurück. Am Anfang war die Motivation groß – neugierig, engagiert, voller Energie. Doch inzwischen zeigt sich ein anderes Bild: Ein Azubi wirkt zurückhaltender, ein anderer meldet sich häufiger krank, Gespräche bleiben oberflächlich. Solche Entwicklungen sind kein Einzelfall. Viele Unternehmen erleben, dass die anfängliche Motivation im Laufe der Ausbildung nachlässt – trotz intensiver Recruiting- und Onboardingprozesse. Die eigentliche Herausforderung beginnt oft erst nach dem Einstieg: Auszubildende langfristig zu halten, sie in ihrer Entwicklung zu begleiten und ihre Motivation aufrechtzuerhalten. Dabei bringen sie genau das mit, was Unternehmen sich wünschen: Neugier, Lernbereitschaft und den Wunsch, sich zu entwickeln. Die entscheidende Frage ist daher nicht mehr nur: Wie gewinnen wir Azubis? Sondern: Wie gelingt es uns, sie langfristig zu halten? Genau hier zeigt sich: Gute Ausbildung funktioniert heute anders als noch vor einigen Jahren.
Die Rolle der Ausbilder:innen verändert sich
Fachwissen zu vermitteln, reicht heute nicht mehr aus. Wissen ist jederzeit verfügbar – auch durch digitale Tools und KI. Auszubildende schauen heute nicht mehr allein wegen fachlicher Überlegenheit zu ihren Ausbilder:innen auf. Stattdessen müssen Ausbilder:innen zunehmend mit Persönlichkeit neue Rollen übernehmen:
1. Die Rolle der Lernbegleiter:innen:
Sie unterstützen nicht nur fachlich, sondern begleiten den gesamten Lernprozess.
Bereits in Schulen wird auf diesen Wandel reagiert, indem Lerncoaches eingesetzt werden, die unabhängig vom Fachwissen die Schüler:innen im Lernen begleiten. In der betrieblichen Ausbildung ist dieser Wandel bislang vielerorts noch nicht ausreichend berücksichtigt. Gleichzeitig sind viele Ausbilder:innen – und insbesondere Ausbildungsbegleiter:innen – fachlich sehr stark, wurden jedoch kaum auf diese pädagogische Rolle vorbereitet.
2. Ansprechpartner:innen auf persönlicher Ebene:
Auszubildende sprechen heute deutlich offener über persönliche Themen – auch über psychische Belastungen, die sie mitbringen oder im Verlauf der Ausbildung entstehen.
Aussagen im Bewerbungsgespräch wie „Das hat mein Therapeut auch schon gesagt“ sind keine Seltenheit mehr.
Für Unternehmen ergeben sich daraus gleich mehrere Herausforderungen:
Zum einen trifft man auf eine jüngere, sensiblere Zielgruppe, die Begleitung einfordert. Zum anderen stoßen Ausbilder:innen in solchen Situationen schnell an ihre Grenzen.
Damit wird eine Frage zentral: Wie positionieren wir uns als Unternehmen im Umgang mit solchen Themen?
Dazu gehört:
- Wie gehen wir mit schwierigen Situationen im Ausbildungsalltag um?
- Wo endet die Rolle der Ausbilder:innen und HR?
- Und an welcher Stelle sind externe Unterstützungsangebote sinnvoll, um nachhaltig zu entlasten?
Ob Ausbildung gelingt, entscheidet sich im Alltag
Wenn über die junge Generation gesprochen wird, fallen schnell Begriffe wie „wenig belastbar“, „kein Bock“ oder „smartphonefixiert“. Diese Zuschreibungen greifen jedoch oft zu kurz.
Die Realität ist: Viele Auszubildende starten mit Neugier, Motivation und echter Lernbereitschaft in ihre Ausbildung. Sie haben sich bewusst für diesen Weg entschieden und sind gespannt auf ihren neuen Lebensabschnitt. Die zentrale Frage ist daher nicht: Wie schaffen wir Motivation?
Sondern: Wie erhalten wir sie?
Wenn Motivation auf den Arbeitsalltag trifft
In der Praxis beobachten wir: Im Verlauf der ersten Monate verändert sich die anfängliche Begeisterung spürbar. Routine- oder ausbildungsfremde Aufgaben nehmen zu, Hierarchien werden erlebbar – teilweise noch geprägt von Bildern wie „Lehrjahre sind keine Herrenjahre“, und Zugehörigkeit entsteht nicht automatisch.
Viele Auszubildende erleben an diesem Punkt eine erste Irritation: Man möchte Teil des Teams sein, sich einbringen und Verantwortung übernehmen – und trifft gleichzeitig auf Strukturen und Dynamiken, die genau das nicht immer ermöglichen. Daraus entsteht häufig Über- oder Unterforderung.
Zu wenig Herausforderung lässt Motivation versanden – wie ein Surfer, der nur kleine Wellen vorfindet. Es bleibt das Gefühl, nicht voranzukommen, während die anfängliche Neugier allmählich abnimmt.
In der anderen Richtung kann zu viel Verantwortung in kurzer Zeit überfordern. Ein Surfer, der kaum die Möglichkeit hat, sich auf die nächste Welle vorzubereiten, entwickelt kein Gefühl für Balance.
Beides – Unter- wie Überforderung – wirkt sich unmittelbar auf Begeisterung, Lernbereitschaft und Engagement aus. Manche sprechen deshalb nicht mehr von einer typischen Krankheitswelle im Herbst, sondern von einem Punkt, an dem sich entscheidet, wie Ausbildung im Alltag tatsächlich erlebt wird.
Und genau dieser Arbeitsalltag entsteht nicht zufällig – er wird im Miteinander gestaltet.
Die entscheidende Frage ist daher: Schaffen wir ein Umfeld, auf dessen „Wellen“ Auszubildende lernen können zu surfen – getragen von verlässlicher Begleitung und echter Beziehung?
Was Unternehmen konkret tun können – auf drei Ebenen
Wenn der Arbeitsalltag darüber entscheidet, ob Motivation erhalten bleibt, wird deutlich: Ausbildung braucht mehr als einen guten Start. Entscheidend ist eine kontinuierliche, strukturierte Begleitung über den gesamten Ausbildungsverlauf hinweg – sowohl für Auszubildende als auch für die Menschen, die sie begleiten.
Dabei zeigt sich: Wirksame Ausbildung entsteht nicht durch einzelne Maßnahmen, sondern durch ein Zusammenspiel auf drei Ebenen:
1. Ebene – Ausbilder:innen gezielt stärken
Ausbilder:innen sind heute mehr als Wissensvermittler:innen. Sie begleiten Lernprozesse, sind Ansprechpartner:innen für persönliche Themen und prägen maßgeblich das Erleben von Ausbildung.
Was sie brauchen, ist:
- Klarheit über ihre Rollen und ihre Grenzen
- Sicherheit im Umgang mit persönlichen und psychischen Themen
- Raum zur Reflexion und zum kollegialen Austausch
Übung, um mehr Sicherheit in Gesprächen zu gewinnen:
Führen Sie Gespräche bewusst anders: Geben Sie in den ersten Minuten keine Lösungen oder Ratschläge. Stellen Sie stattdessen Verständnisfragen. Formulieren Sie bewusst Sätze wie:
- „Das klingt gerade sehr herausfordernd.“
- „Ich kann nachvollziehen, dass dich das beschäftigt.“
→ Oft entsteht Entlastung nicht durch Lösungen, sondern dadurch, gehört zu werden.
Zusätzlich: Etablieren Sie einen kurzen wöchentlichen Austausch im Team (z. B. 10 Minuten):
- Was war diese Woche herausfordernd?
- Was hat geholfen?
- Wo brauche ich Unterstützung?
→ Das stärkt nicht nur die Ausbilder:innen, sondern auch die Qualität der Begleitung.
Über- und Unterforderung bewusst steuern
Motivation entsteht weder durch maximale Auslastung noch durch dauerhaft einfache Aufgaben. Entscheidend ist das richtige Maß an Herausforderung.
Zu wenig fordert nicht – zu viel überfordert.
Übung:
Nehmen Sie sich bewusst Zeit für eine kurze Reflexion:
- Wo könnte mein Azubi aktuell unterfordert sein?
- Wo eventuell überfordert?
- Welche Aufgabe könnte einen passenden nächsten Entwicklungsschritt ermöglichen?
→ Ziel ist es, Lernbewegung zu ermöglichen, statt Stillstand oder Überforderung.
Führung als Vorbild aktiv gestalten
Auszubildende lernen vor allem durch das, was sie täglich erleben:
- wie im Team kommuniziert wird
- wie mit Stress umgegangen wird
- wie Feedback gegeben wird
Investieren Sie gezielt in die Entwicklung Ihrer Mitarbeitenden und Ausbildungsbegleiter:innen. Denn sie sind die Vorbilder Ihrer zukünftigen Fachkräfte.
Übung: Stellen Sie sich die Frage „Was schätze ich an guter Führung – und was davon möchte ich weitergeben?“
Geben Sie diese Woche bewusst ein positives, ehrliches Feedback:
- an Ihre eigene Führungskraft – auch sie freut sich über Wertschätzung
- und an eine:n Auszubildende:n
→ Sichtbare Wertschätzung wirkt in alle Richtungen und stärkt Beziehung und Motivation gleichermaßen.
2. Ebene – Auszubildende gezielt fördern und einbinden
Gute Ausbildung entsteht nicht nur durch Inhalte, sondern durch das Erleben im Alltag. Zentral ist dabei die Frage: Fühlen sich Auszubildende eingebunden, gesehen und begleitet?
Beziehung und Feedback systematisch verankern
Beziehung entsteht nicht nebenbei. Sie braucht Zeit, Aufmerksamkeit – und Struktur. Viele Unternehmen haben klare Ausbildungspläne. Doch oft fehlt das Pendant für die persönliche Entwicklung.
Umsetzung:
Führen Sie regelmäßige Gespräche ein (z. B. alle 2–4 Wochen, ca. 20 Minuten)
Leitfragen können sein:
- Was lief zuletzt gut?
- Was fällt dir gerade schwer?
- Wo brauchst du Unterstützung?
- Was möchtest du lernen oder ausprobieren?
→ Diese Gespräche wirken direkt auf Motivation, Bindung und Lernentwicklung.
Auszubildende aktiv beteiligen
Auszubildende sind nicht nur Lernende – sie bringen neue Perspektiven mit. Gerade zu Beginn erkennen sie Dinge, die für andere längst selbstverständlich geworden sind.
Übung:
Fragen Sie aktiv:
- „Was fällt dir hier auf, was wir vielleicht nicht mehr sehen?“
- „Was würdest du anders machen?“
→ Beteiligung stärkt nicht nur Prozesse, sondern vor allem das Gefühl, wirklich Teil des Unternehmens zu sein.
3. Ebene – Klare Rahmenbedingungen im Unternehmen schaffen
Neben individueller Begleitung braucht es auch strukturelle Klarheit. Gerade im Umgang mit persönlichen oder psychischen Belastungen entlasten klare Leitlinien – sowohl Ausbilder:innen als auch HR.
Eine klare Haltung im Umgang mit Belastungen entwickeln
Viele Ausbilder:innen erleben Unsicherheit: Was tun, wenn persönliche oder psychische Themen angesprochen werden?
Hier hilft vor allem eines: Klarheit auf Unternehmensebene.
- Wer ist wann gefragt – und was ist zu tun?
- Ab wann braucht es externe Unterstützung?
Ein einfacher Orientierungsrahmen: die Ampellogik
Grün – normale Belastung → begleiten: regelmäßige Check-ins, Ressourcen stärken
Gelb – erste Warnsignale → früh ins Gespräch gehen, zuhören, entlasten
Orange – anhaltende Belastung → gemeinsam klären, HR einbinden, Unterstützung organisieren
Rot – akute Krise → sofort handeln: Notfallkette aktivieren + externe Hilfe (z. B. 112), Person nicht allein lassen
→ Das schafft Orientierung und nimmt Druck von einzelnen Personen.
Reflexionsimpuls:
- Gibt es solche Leitlinien bereits in Ihrem Unternehmen?
- Sind sie bekannt und zugänglich?
Falls nicht: Stoßen Sie das Thema aktiv an.
Informiert bleiben mit unserem Newsletter
Hier können Sie sich direkt kostenfrei anmelden.
Fazit:
Gute Ausbildung entsteht nicht durch einzelne Maßnahmen – sondern durch ein Zusammenspiel aus:
- gestärkten Ausbilder:innen
- aktiv eingebundenen Auszubildenden
- und klaren strukturellen Rahmenbedingungen
Und genau hier lohnt sich ein Perspektivwechsel: Wer Ausbildung langfristig erfolgreich gestalten möchte, darf nicht nur ins Recruiting investieren – sondern vor allem in die Begleitung danach.
Denn: Auszubildende bringen Motivation und Neugier bereits mit. Die entscheidende Aufgabe von Unternehmen ist es, diese zu erhalten.
Programme wie „Mentale Gesundheit im Ausbildungsalltag – Das stg-Programm für Azubis und Ausbilder:innen“ setzen genau hier an: Sie unterstützen Unternehmen dabei, Ausbildung nicht punktuell, sondern kontinuierlich zu begleiten und sowohl Auszubildende als auch Ausbilder:innen in ihrer Rolle zu stärken.
So entsteht echte Mitarbeiterbindung.
Bildquelle: freepik – Magnific.com