„Wenn ich während meiner Menstruation starke Beschwerden habe, hilft es mir sehr, ein Teams-Meeting auch mal ohne Kamera zu machen oder von der Couch aus teilzunehmen“, sagt Clara B., Beraterin in einer Unternehmensberatung in Frankfurt. „Dass das möglich ist, liegt allerdings eher am Verständnis meiner Kolleginnen und Kollegen als an einer bewussten Unternehmenskultur“.
Auch die Idee, in Microsoft Teams ein kleines Mondsymbol als Status für sogenannte ‚Moon Days‘ zu nutzen, um reduzierte Kapazitäten zu kommunizieren, findet sie überzeugend: „Ich kann mir gut vorstellen, dass viele Kolleginnen und Kollegen dies nutzen würden, wenn das Thema im Unternehmen aktiv aufgegriffen würde.“
Zyklusbedingte Beschwerden mit Einfluss auf die Produktivität
Was hier informell gelöst wird, verweist auf ein größeres Thema: Zyklusbedingte Beschwerden sind kein individuelles Randphänomen, sondern betreffen einen erheblichen Teil der erwerbstätigen Frauen – mit messbaren Auswirkungen auf Leistungsfähigkeit und Produktivität.
Internationale Studien zeigen die Dimension: 85 % der Frauen berichten von Menstruationsschmerzen. Ein Drittel kann aufgrund zyklusbedingter Symptome alltägliche Aufgaben zeitweise nicht erfüllen. Die Folgen zeigen sich auch im Arbeitskontext – nicht nur durch Fehlzeiten, sondern vor allem durch Präsentismus.
Eine groß angelegte Untersuchung unter mehr als 30.000 Frauen ergab, dass viele Betroffene trotz Beschwerden arbeiten, jedoch mit deutlich reduzierter Leistungsfähigkeit. Besonders betroffen sind Energie, Konzentration, Effizienz und Stimmung. Zwei Drittel der Befragten wünschen sich mehr Flexibilität am Arbeitsplatz, um angemessen auf Beschwerden reagieren zu können.
Für HR-Verantwortliche entsteht daraus ein klares Bild: Der Menstruationszyklus beeinflusst zentrale Leistungsdimensionen und verdient eine strukturelle Antwort.
Was ist zyklussensitive Arbeitsgestaltung?
Zyklussensitive Arbeitsgestaltung beschreibt einen organisationsbezogenen Ansatz, der hormonelle Schwankungen und daraus resultierende körperliche sowie psychische Veränderungen nicht als individuelles Privatproblem versteht, sondern als gestaltbaren Bestandteil moderner Arbeitsorganisation.
Ziel ist es, Arbeitsbedingungen so auszurichten, dass sie zyklusbedingte Leistungsschwankungen berücksichtigen – ohne Stigmatisierung und unter Wahrung von Freiwilligkeit und Datenschutz. Damit wird Frauengesundheit zu einem strategischen Thema betrieblicher Gesundheits- und Personalpolitik.
Welche Vorteile bietet eine zyklussensitive Arbeitsgestaltung für Unternehmen?
Flexibilität gilt in der Arbeitspsychologie als einer der wirksamsten Hebel für Motivation, Leistungsfähigkeit und Gesundheit. Genau hier setzt zyklussensitive Arbeitsgestaltung an: Sie schafft Rahmenbedingungen, die individuelle Leistungsschwankungen auffangen, ohne Sonderregelungen oder Sonderrollen zu erzeugen.
Spätestens hier wird die strategische Dimension für Unternehmen sichtbar. Wenn zyklusbedingter Präsentismus reduziert wird, steigt die tatsächliche Leistungsfähigkeit. Wenn Mitarbeitende erleben, dass ihre gesundheitlichen Bedürfnisse ernst genommen werden, erhöht dies Bindung, Vertrauen und Identifikation mit dem Unternehmen. Und wenn Organisationen offen und strukturiert mit geschlechtsspezifischen Gesundheitsfaktoren umgehen, stärken sie ihre Position als zukunftsorientierte und gesundheitsbewusste Arbeitgeber.
Zyklussensitive Arbeitsgestaltung unterstützt damit mehrere strategische Unternehmensziele gleichzeitig:
- Reduktion von Präsentismus und indirekten Produktivitätsverlusten
- Stabilisierung von Leistungsfähigkeit und Motivation
- Stärkung der Mitarbeiterbindung
- Positive Wirkung auf Arbeitgeberimage und Employer Branding
Sie ist damit kein „Add-on“ im Gesundheitsmanagement, sondern ein wichtiger Beitrag zu Effizienz, nachhaltiger Personalstrategie und Chancengleichheit.
Wie lässt sich zyklussensitive Arbeitsgestaltung wirksam gestalten?
Damit zyklussensitive Arbeitsgestaltung wirksam wird, braucht es mehr als punktuelle Anpassungen. Das Modell von Günther und Würth verbindet wissenschaftliche Erkenntnisse mit praktischer Umsetzungserfahrung und dient als Orientierungsrahmen für Unternehmen. Es beschreibt verschiedene Ebenen betrieblicher Gestaltung – insbesondere organisatorische, kulturelle und personelle Ansatzpunkte:
a) Organisatorische Maßnahmen – Rahmenbedingungen schaffen
Der wirksamste Hebel liegt in flexiblen Arbeitsstrukturen. Dazu gehören:
- Flexible Arbeitszeitmodelle, etwa Gleitzeit ohne starre Kernzeiten oder bedarfsorientiertes Homeoffice
- Möglichkeiten zur temporären Anpassung von Aufgabenprofilen und Arbeitsanforderungen
- Selbstverantwortliche Priorisierung von Aufgaben in Phasen eingeschränkter Leistungsfähigkeit
In Bereichen mit Schichtarbeit sind diese Maßnahmen anspruchsvoller umzusetzen, jedoch nicht ausgeschlossen. Auch hier können Tauschsysteme oder flexible Dienstplangestaltung Entlastung schaffen.
Organisatorische Flexibilität wirkt dabei nicht exklusiv für menstruierende Personen, sondern stärkt insgesamt eine leistungsorientierte und gesundheitsförderliche Arbeitskultur.
b) Kulturelle Maßnahmen – Enttabuisierung als Voraussetzung
Strukturelle Regelungen bleiben wirkungslos, wenn sie nicht in Anspruch genommen werden. Studien zeigen, dass Menstruation im beruflichen Kontext weiterhin stark tabuisiert ist.
Deshalb ist die kulturelle Verankerung entscheidend:
- Förderung einer offenen und vertrauensvollen Unternehmenskultur
- Sensibilisierung von Führungskräften durch Schulungen
- Sichtbarkeit, beispielsweise durch die Bereitstellung von Menstruationsprodukten
Offenheit und Vertrauen bilden die Voraussetzung dafür, dass strukturelle Maßnahmen tatsächlich wirksam werden.
c) Personelle Maßnahmen – Selbststeuerung stärken
Zyklussensitive Arbeitsgestaltung bedeutet nicht Fremdsteuerung, sondern Befähigung. Unternehmen können Mitarbeitende unterstützen durch:
- Förderung der individuellen Selbstwahrnehmung (Informationsangebote und Workshops)
- Freiwillige Selbstmanagement-Tools wie Kalender oder zyklusorientierte Apps
Dabei gilt: Gesundheitsdaten sind besonders sensibel. Jede Maßnahme muss auf Freiwilligkeit beruhen, Datenschutz gewährleisten und darf keinesfalls zu Benachteiligung führen.
Für eine strukturierte Einführung stellt sich die Frage nach Prioritäten: Welche Maßnahmen sind grundlegend, welche ergänzend?
Fazit: Steigerung der Effizienz durch Zyklussensitive Arbeitsmodelle
Zyklussensitive Arbeitsmodelle können Effizienz, Fairness und das Wohlbefinden von Mitarbeitenden langfristig stärken. Sie sind eine strukturelle Antwort auf ein Bedürfnis vieler Arbeitnehmerinnen – und zugleich ein strategischer Vorteil im Wettbewerb um Fachkräfte, durch höhere Mitarbeiterbindung und ein gestärktes Arbeitgeberimage.
Eine erfolgreiche Umsetzung geht dabei über formale Regelungen hinaus. Sie erfordert die Enttabuisierung biologischer Unterschiede sowie eine offene und sensible Kommunikationskultur im Unternehmen.
Für HR bedeutet das, Gesundheit, Gleichstellung und Leistungsfähigkeit nicht getrennt zu denken, sondern strukturell zu verbinden. Zyklussensitive Arbeitsgestaltung wird damit zu einer aktiven Gestaltungsaufgabe moderner Personalstrategie.
Akademie-Verlinkung: Seminar „Gemeinsam Frauen stärken. – Lebensphasen und ihre Herausforderungen meistern.“
Quellen:
Würth, S., & Günther, J. (2025). Arbeitsmodelle im Wandel – Eine theoretische und empirische Untersuchung zyklussensitiver Arbeitsgestaltung. HMD Praxis der Wirtschaftsinformatik, 62, 1367–1382. https://doi.org/10.1365/s40702-025-01224-1
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