Verlässlich, vorhersagbar, sicher – genau das scheint die Welt schon seit geraumer Zeit nicht mehr zu sein. Was also tun, wenn das Außen zu wenig Halt und Orientierung bietet? Zuversicht entsteht nicht dort, wo alles sicher ist, sondern dort, wo wir lernen, mit Unsicherheit umzugehen.
In diesem Beitrag erfahren Sie, warum Ungewissheit zum Leben gehört – und wie wir auch unter unsicheren Bedingungen handlungsfähig und zuversichtlich bleiben.
Zwei Seiten einer Medaille
Unsicherheit und Ungewissheit sind eng miteinander verbunden und werden oft synonym verwendet. Beide Begriffe beziehen sich auf Situationen, in denen nicht klar ist, was als Nächstes passieren wird oder was zu tun ist.
Dennoch gibt es einen Unterschied:
Unsicherheit bezieht sich auf innere Zweifel: ob wir eine bestimmte Entscheidung treffen oder eine Handlung ausführen sollen – oder eben besser nicht. Ungewissheit beschreibt Situationen, in denen wir nicht wissen, wie etwas ausgehen wird oder was die Zukunft bringt. Beides entzieht sich unserer Kontrolle – und fordert unsere Fähigkeit zur Zuversicht heraus.
Unsicherheit und Ungewissheit schwer auszuhalten
Unsicherheit und Ungewissheit wirken auf emotionaler wie auf praktischer Ebene belastend. Sie sind schwer auszuhalten, weil sie als Gefühle nicht selbst gewählt sind und oft nicht beeinflussbar erscheinen. Unser Gehirn sucht nach bekannten, Orientierung stiftenden Mustern und keine oder zu wenige zu finden, belastet. Außerdem haben wir ein starkes Bedürfnis nach Abschluss, Klarheit und eindeutigen Antworten.
Der Fachbegriff hierfür lautet Need for Cognitive Closure (NFCC). Die meisten Menschen versuchen, belastende Unklarheit und Ambiguität möglichst schnell zu beenden. In diesem Kontext erscheint eine vorschnelle Antwort oft besser als gar keine – selbst dann, wenn sie sich später als unzutreffend erweist.
Vielfältige Folgen
Je nach Kontext bzw. Situation kann Unsicherheit sehr unterschiedliche Auswirkungen haben:
- Belastende Gefühle: Unsicherheit bedeutet Hochstress fürs Gehirn. Sie löst Angst, Ärger, Ohnmacht oder Hilflosigkeit aus, begleitet von negativ gefärbten Gedanken (Katastrophendenken). Diese Gedanken verselbstständigen sich häufig. Wir glauben ihnen und reagieren, als wären sie Fakten. Fachlich spricht man hier von Gedankenfusion.
- Entscheidungsschwierigkeiten: Unklarheit darüber, was richtig ist, führt nicht selten zu blockierendem Stillstand.
- Risikovermeidung: Um sich vor möglichen negativen Folgen zu schützen, werden Chancen nicht genutzt – mit langfristigen Entwicklungsnachteilen.
- Gesundheitliche Auswirkungen: Anhaltende Unsicherheit kann sich körperlich niederschlagen, z. B. in Schlafstörungen, Kopfschmerzen, Verdauungsproblemen oder depressiven Verstimmungen.
All diese Reaktionen sind menschlich. Gleichzeitig markieren sie den Punkt, an dem Zuversicht als innere Kompetenz relevant wird.
Bewertung macht den Unterschied
Unsicherheit und Ungewissheit sind nicht per se belastend. Menschen mit hoher Risikobereitschaft („Sensation Seekers“) suchen sie sogar aktiv – etwa beim Bungeejumping, beim Antritt eines anspruchsvollen neuen Jobs oder bei weitreichenden Lebensentscheidungen.
Auch sie empfinden Angst. Doch handlungsleitend ist diese nicht. Stattdessen überwiegt der „kribbelige Schauer“. Die Aufmerksamkeit richtet sich auf das Erleben der Situation und auf das, was danach entsteht. Angst wird so nicht zur Bremse, sondern zur Wegweiserin.
Die Folge sind Gefühle wie Stolz, Freude oder Erleichterung sowie entwicklungsförderliche Gedanken wie „Ich habe das geschafft!“.
Unsicherheit als große Chance
Unsicherheit ist eine Grundbedingung menschlichen Lebens. Sie ermöglicht Reichtum, Vielfalt und Unterschiedlichkeit ebenso wie Freude am spontanen Handeln und kreatives Gestalten. So gesehen birgt Unsicherheit eine große Chance zur Entwicklung und zum persönlichen Wachstum.
Freiheit – das steht fest – gibt es nicht ohne Unsicherheit.
Die Fähigkeit, unter Unsicherheit Zukunft zu gestalten, ist deshalb eine Schlüsselkompetenz unserer Zeit.
Wie lässt sich diese Kompetenz entwickeln und stärken?
Auf der emotionalen Ebene geht es im Kern darum, Unsicherheit als Gefühl wahrnehmen zu können, es im Körper zu halten und da sein zu lassen, ohne darin zu versinken.
Schenken Sie Ihrer Unsicherheit Beachtung, aber keine Bedeutung. Das Gefühl „wegmachen“ zu wollen, funktioniert allenfalls kurzfristig. Es kommt zurück, mitunter sogar stärker. Und das ist auch gut so, denn wie jedes Gefühl hat auch die Unsicherheit eine wichtige Signalfunktion: Sie macht auf ein gerade nicht erfülltes Bedürfnis aufmerksam – im Falle der Unsicherheit auf das fehlende Gefühl von Sicherheit.
Wenn die Situation unsicher ist, ist es völlig angemessen, sich unsicher zu fühlen. Die Frage ist nur: Was mache ich mit dem Gefühl?
Gebe ich der mitschwingenden Angst nach und blockiere mich? Oder packe ich die Unsicherheit in meinen persönlichen Rucksack und mache mich mit ihr auf den Weg?
Stehe ich oder gehe ich? Sie entscheiden!